Bildungsreise: Niemand fährt nur einmal nach Ghana

Kwame Nkrumah Memorial (Foto: ePausz)

Von 9. Juli bis 2. August 2015 waren Désirée Bauerstatter, die Öffentlichkeits- und Bildungsreferentin des EAWM, Moritz Stroh, Religionslehrer in Wien und Mitglied des EAWM Vorstandes und Elisabeth Pausz, Referentin für kirchliche Partnerschaft der Evang. Kirche A.u.H.B. mit zehn jungen Erwachsenen in Ghana. Ziel der Reise war es, jungen evangelischen Menschen im Jahr der Bildung die Partnerschaft der Evangelischen Kirche in Österreich und der Presbyterian Church of Ghana und die damit verbundenen Projekte des EAWM näher zu bringen. Das Programm war derart ausgelegt, dass sich die Reisenden ein möglichst umfassendes Bild von Ghana machen konnten. So gab es neben dem offiziellen Teil auch genügend Sightseeing und Möglichkeiten zu individuellem Erkunden des Landes.

Wir begannen die Reise in der Hauptstadt Ghanas, in Accra, wo wir uns eine knappe Woche aufhielten. Samuel Odjelua, der Direktor für ökumenische und soziale Beziehungen, der selbst von 1994 bis 1999 in Österreich lebte, begrüßte uns in seinem Büro und auch der Moderator der PCG, Emmanuel Martey nahm sich eine Stunde Zeit, um uns kennenzulernen.

Das Land gestern und heute

In Accra hatten wir die Gelegenheit ein bisschen in die Geschichte und Kultur Ghanas einzutauchen. So etwa beim Kwame Nkrumah Memorial. Kwame Nkrumah war der erste Präsident der Republik Ghana und auch maßgeblich daran beteiligt, dass das Land am 6. März 1957 als erstes Land von Sub-Sahara Afrika die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft erlangte. Er setzte sich auch massiv für die pan-afrikanische Bewegung ein und engagiert sich für eine Art United Nations of Africa. Im Jahr der Unabhängigkeit Ghanas heiratete Nkrumah aus politischen Gründen eine Ägypterin, Fathia Helen Ritzk. Sie wurde von einer Delegation von Führern der Volksgruppen, die in Ghana vertreten sind, ausgewählt. Nkrumahs Hoffnung war, durch diese Hochzeit ganz Afrika zu vereinen. In seiner Zeit als Präsident widmete er sich vorwiegend der wirtschaftlichen Erholung Ghanas von der Kolonialherrschaft, legte mehrere Pläne vor, die auch umgesetzt wurden. Er war auch der Initiator des „Volta River Project“, mit dem der gesamte Strombedarf des Landes gedeckt werden sollte. 1966 wurde Nkrumah durch einen Putsch der prowestlichen National Liberation Parti gestürzt und ging in Guinea ins Exil, wo er zum Co-Präsidenten ernannt wurde. 1972 starb Kwame Nkrumah an Prostatakrebs im Alter von 63 Jahren. Er wurde drei Mal beerdigt. Einmal in Bukarest, wo er wegen seiner Krankheit in Behandlung war, einmal in seinem Heimatort Nkroful und einmal in Accra im Memorial Park.

Die Errichtung des Volta Staudammes ist bis dato das größte Projekt in der Geschichte Ghanas. Für den Bau des Damms wurden 80.000 Menschen aus 740 Dörfern umgesiedelt. 60% der 27 Mio Einwohner Ghanas sind heute vom Strom des Voltastausee abhängig. Als der Bau des Damms 1961 in Auftrag gegeben wurde, sollte mit der Energiegewinnung die damalige Bevölkerung von 6 Mio Menschen mit Strom versorgt werden. Seit damals, so wird uns bei der Führung berichtet, wächst die ghanaische Bevölkerung jährlich um zehn Prozent. Das bedeutet auch, dass Ghana mit dem Stromverbrauch seiner Bevölkerung nicht mithalten kann. Regelmäßig erleben wir Stromausfälle, die durch Dieselgeneratoren, die sich wohlhabende Familien und Institutionen leisten, kompensiert werden. Mal ist das Netz tatsächlich überlastet, mal wird der Strom in Regionen des Landes gezielt gedrosselt oder abgedreht, um den Bedarf gestaffelt zu decken. Auch die immer kürzeren Regenperioden tragen zur Energieknappheit bei. Als wir den Staudamm besuchen ist das Wasser, obwohl die Regenzeit im Juli gerade zu Ende geht, auf einem besorgniserregenden Tiefstand.

Im Norden des Landes haben wir die Gelegenheit Fooshegu, ein Dorf in der Nähe der Hauptstadt des Nordens Tamale zu besuchen, was einen tiefen Eindruck bei allen hinterließ und das Highlight der Reise war. Wir lernen, dass eine ländliche Familie durchschnittlich 15 Kinder hat. Gleichzeit erfahren wir, dass das Abtreibungsgesetz in Ghana zwar vergleichsweise liberal ist, aber Abtreibung derart stigmatisiert, dass es die wenigsten Frauen in Betracht ziehen, und wenn, dann vielfach heimlich, mit fragwürdigen Methoden, die immer wieder zum Tod führen. Auch sind Verhütungsmethoden in der überwiegend religiösen Gesellschaft nicht opportun, gleichzeitig gibt es zu wenig Zugang zu Verhütungsmitteln und sie sind für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich. Die Analphabetismusrate auf dem Land liegt meist über 90%, damit einhergehend ist die Bildung sehr niedrig und die Angst und das Misstrauen vor Aufklärungsarbeit hoch.

Dabei wäre eine niedrigere Geburtenrate für das ganze Land von Vorteil. Es würde einerseits die Müttersterblichkeit senken, andererseits die Familien weniger an die Grenzen ihrer Versorgungsmöglichkeit bringen. Das Bildungssystem könnte sich mehr auf partizipativen Unterricht konzentrieren, was bei einer Anzahl von etwa 60 Kindern pro Klasse schlichtweg unmöglich ist. Wie wir in der Junior High School des Adumasa Link Projektes in Kumasi erleben, werden die Kinder gedrillt, lernen vieles auswendig. Das führt dann, so scheint es uns, dazu, dass eine Verkäuferin, die eine gute Schulbildung genossen hat, nicht in der Lage ist 3 mal 10 zusammenzuzählen ohne dafür einen Taschenrechner zu verwenden. Auch könnte mit einem Geburtenrückgang die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit gesenkt werden, da momentan nicht einmal eine fundierte Ausbildung eine Arbeit garantiert, die die Lebenserhaltungskosten deckt. Und selbstverständlich wäre die Wirtschaft Ghanas, die im Jahr 2013 um 7,1%, im Jahr 2014 nur noch um 4,2% gestiegen ist, besser in der Lage sich den rasch ändernden Bedingungen anzupassen und damit auch die Stromversorgung sowie die Gesundheitsversorgung anzupassen.

Jugendbegegnungen und Spiritualität

Wir haben zwei Mal die Möglichkeit uns mit ghanaischen Jugendlichen auszutauschen, einmal mit einer Gruppe aus Madina, einmal mit einer aus Tamale. Es wird sehr schnell offensichtlich, dass unsere Art zu Glauben und den Glauben spirituell zu leben und sich in der Kirche zu engagieren grundlegend verschieden ist. Die Jugendlichen der Presbyterian Church of Ghana sind in Gruppen organisiert, von der Geburt an, über die Jugend, bis ins Erwachsenenalter und schließlich bis zu Tod. Bis zum Alter von 40 Jahren sind die Gruppen geschlechtsgemischt, danach teilen sie sich in die Women’s Fellowship und die Men’s Fellowship. Die Jugendlichen, die wir treffen, sind allesamt in der Young People’s Guild (YPG), sind also zwischen 20 und 30 Jahre alt, bevor sie mit 31 in die Young Adult’s Fellowship wechseln. Sie treffen sich regulär einmal die Woche in ihrer Gemeinde, das ist in allen Gemeinden gleich, meist am Donnerstag. Es gibt auch regelmäßig regionale Treffen und einmal im Jahr ein Treffen aller Mitglieder der Gruppen. Zusätzlich zu den Altersgruppen gibt es in den Kirchen auch Interessensgruppen, wie etwa den Chor oder den Bibellesekreis, in dem sich die jungen Erwachsen engagieren. Sie sind also mindestens vier Mal pro Woche, manche täglich, in der Kirche. Wir können mit Müh und Not sagen, dass wir es einmal pro Woche, höchstens, in unsere Gemeinde schaffen. Auch das tägliche Gebet nach dem Aufstehen und vor dem Zubettgehen ist bei uns nicht so etabliert.

Auch wenn das Christentum in Ghana auf europäische Missionare zurückgeht, zeigt die Geschichte, dass die Mitgliederzahlen nach der Unabhängigkeit des Landes exponentiell angestiegen sind. Dies wird dem Umstand zugeschrieben, dass zu dem Zeitpunkt die christliche Religion von der europäischen Kultur entkoppelt wurde und sich mit den afrikanischen Kulturen vermischen konnte. Während wir großteils argwöhnisch auf die missionarischen Tätigkeiten unserer Vorfahren blicken und uns einem kollektiven Schuldbewusstsein nicht ganz entziehen können, blicken die YPG Jugendlichen mit Stolz auf ihre Religion und die damit verbundene Geschichte deren Geburtsstunde. Seither ist viel geschehen. Während die Gottesdienste, wie wir sie aus Europa kennen, besinnlich, introvertiert und oft auch menschenleer sind, ähneln sie hier Popkonzerten. In allen städtischen Gemeinden, steht eine PA-Anlage, die vermutlich, würde sie voll aufgedreht werden, das Kirchenhaus davonblasen könnte. Auch so dröhnen uns die Ohren von dem Geschrei und der lauten Musik der Livebands, die aus den Boxen kommt. Manche älteren Mitglieder verdrehen auf Nachfrage die Augen ob dieser Einlagen, bekennen, dass das nur geduldet wird, um die Jugend in der Kirche zu halten und nicht an charismatische oder Pfingstgemeinden zu verlieren, die in Ghana wie Pilze aus dem Boden sprießen.

Die Herausforderungen, vor denen die PCG in Bezug auf ihre jungen Mitgliederzahlen steht, unterscheiden sich nicht grundlegend von denen unserer Kirche, nur die Faktoren sind andere. Sind in Ghana andere Kirchen die Hauptkonkurrenz, ist es in Österreich das breite Angebot an organisierter Freizeitgestaltung.

Um alle diese neuen Eindrücke verarbeiten zu können, haben wir uns da und dort eine Auszeit gegönnt, haben den den Mole Nationalpark besucht, waren begeistert von den badenden Elefanten, die wir dort sahen und entspannten die letzten Tage unserer Ghana Reise in Kokrobite am Strand.

Haben Sie Interesse an mehr Details unserer Reise? Besuchen Sie unseren Blog! http://evang-ghana2015.blogspot.com

Elisabeth Pausz
Referentin für kirchliche Partnerschaft

Beitragsbild: Kwame Nkrumah Statue im Memorial Park in Accra (Foto: ePausz)